
Wie es euch gefällt
Junge Menschen reisen auf Rekordniveau. Doch was wünscht sich diese Zielgruppe eigentlich? Was ist ihr wichtig – und welche Angebote funktionieren? Wir haben uns in der Branche umgehört
Dafür lässt sich seine Mannschaft einiges einfallen: Bergwanderungen und Outdoor-Yoga, Teambuilding, Kulturprojekte und Umweltbildung. Auch Nachhaltigkeit prägt das Angebot; es gibt Bio-Küche und regionale Lieferketten. „Die junge Generation ist mit Klimaprotesten aufgewachsen“, sagt Sautter. „Regionale Produkte, soziale Verantwortung und Achtsamkeit sind für sie selbstverständlich.“
Auch sonst brächten gerade die jüngeren Generationen eigene Erwartungen mit: digitale Buchungswege statt Telefon, Wi-Fi als Selbstverständlichkeit, eigene Bäder statt Gemeinschaftsduschen. Gleichzeitig hätten sie den Wunsch nach Naturerlebnissen als Gegenpol zum digitalen Alltag. „Alles, was über die reine Übernachtung hinausgeht, wird stärker nachgefragt als je zuvor“, so Sautter.
Doch Angebote für die jungen Generationen sind nicht nur ein Thema für Jugendherbergen. Die Aufgabe stellt sich Destinationen ebenso wie einzelnen Anbietern. Denn das Reiseverhalten der jungen Generation ist anders — kurzfristiger, erlebnisorientierter, digitaler in der Planung. Einige bayerische Anbieter haben ihre Angebote bereits auf diese spannende, vielversprechende Zielgruppe ausgerichtet – etwa mit Angeboten wie Musik und Sport. In der ostbayerischen Tourismusregion Arberland hat beispielsweise die Arber-Bergbahn ihr Sommerprogramm gezielt ausgebaut — mit einem Bikepark. „Vor zwei Jahren sind wir jung geworden!“, lacht Andreas Stadler, Marketing- und Kommunikationsleiter der Arber-Bergbahn.
Der Bikepark als Gamechanger
Denn eine neue Gästegruppe hat den Großen Arber entdeckt: Bikerinnen und Biker zwischen 15 und 35 Jahren, die das Gebiet vorher eher nicht auf dem Schirm hatten. Sie sausen nun mit Mountainbikes auf sechs verschiedenen Trails talwärts. Es läuft so gut, dass die Arber-Bergbahn die Streckenlänge von fünf auf zehn Kilometer verdoppeln will. „Die Nachfrage ist groß“, freut sich Stadler. „Und weil uns unsere Gäste oft nach einfachen Übernachtungsmöglichkeiten fragen, haben wir drei Stellplätze für Vans eingerichtet. Einen sogar mit Duschen und Toiletten. Wir wollen ja einen gewissen Service bieten!“, schmunzelt er. Auch die Mountainbike-Schule sei sehr beliebt. „Viele Kurse für 2026 sind längst ausgebucht“, so Stadler.
Beschwingt von der guten Resonanz, führt der Bikepark in dieser Saison zusätzliche Angebote ein: Camps mit Influencern sowie ein Bike- Festival mit DJ und Live- Musik am Berg. Auch die Öffnungszeiten wurden leicht verändert. „9 bis 16 Uhr, das waren eher die Bergbahnzeiten der Alten“, sagt Stadler. „Jetzt haben wir von 10 bis 17.30 Uhr offen. Das war der Wunsch vieler Biker-Gäste.“ Bei der Kommunikation mit der Zielgruppe setzt der 34-Jährige auf Instagram, wo er als „Andi vom Bikepark“ bis spät nachts aktiv ist und einen lockeren Ton pflegt.
„Wir haben die Öffnungszeiten unseres Bikeparks an die jungen Gäste angepasst. Gefahren wird jetzt von 10 bis 17.30 Uhr.“
© Halfpoint – stock.adobe.comBehaglich schlafen und Leute kennenlernen
In Franken hören die jungen Zielgruppen Musik. Seit 30 Jahren wird dort das Taubertal-Festival veranstaltet, ein viertägiger Livemusik-Event auf einer Wiese vor den Toren des mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber. „Mit Rock, Pop und Hip-Hop sind wir für viele Altersklassen attraktiv, doch gut die Hälfte unserer 15.000 Besucher sind zwischen Mitte 20 und Mitte 30“, berichtet Pressesprecher Florian Zoll. Was diese Altersgruppe anzieht, ist neben dem Programm auch das Lebensgefühl: Freiheit, Gemeinschaft und Erlebnisse. Andere Festivals müssen dafür mit instagrammable Riesenrädern aufrüsten. Das ist im Taubertal nicht nötig — es hat die Rothenburg-Kulisse. „Spektakulär genug“, findet Zoll.
80 Prozent der Gäste campen. Was das Festival dafür braucht, ist Infrastruktur, „denn der Komfortanspruch junger Gäste ist in den vergangenen zehn Jahren massiv gestiegen“, so Zoll. „Vor 30 Jahren hat niemand nach Duschen gefragt. Heute wird es von den Jungen als Mangel empfunden, wenn sie nicht täglich heiß duschen und danach den Föhn benutzen können.“ Das Festival steckt deshalb jedes Jahr einen sechsstelligen Betrag in die Sanitärinfrastruktur. Es zahlt sich aus: Schon im April war das Festival, das vom 6. bis 9. August 2026 stattfindet, nahezu ausverkauft.
Junge Leute reisen immer aus denselben Gründen
Erlebnisse stehen auch bei ganz jungen Reisenden an erster Stelle. ruf Jugendreisen, Europas führender Veranstalter für betreute Kinder- und Jugendreisen, schickt jährlich rund 65.000 junge Menschen zwischen elf und 23 Jahren auf Reisen – von betreuten Camps für Kinder über Sportreisen für Teenager bis zu Club- und Abi-Reisen für junge Erwachsene. Was Geschäftsführerin Kristina Oehler seit dem 44-jährigen Bestehen des Unternehmens beobachtet: Die Grundmotivation hat sich nicht verändert. „Neue, gleichaltrige Leute kennenlernen, Urlaubsfeeling haben, gemeinsam aktiv sein und irgendeine Form von Party — das wollen junge Menschen auf jeder Reise erleben“, sagt Oehler.
Besonders beliebt seien zurzeit Angebote zu Bewegung und Kreativität. Wie Stand-up-Paddeln und Padel-Tennis, Henna-Tattoos und das Knüpfen von Freundschaftsbändern. „Am besten Tiktok-tauglich!“, hat Oehler beobachtet. Als Veranstalterin, die viel mit Destinationen zusammenarbeitet, weiß sie, woran es in touristischen Orten oft hapert – an Angeboten für die Altersgruppe zwischen 13 und 18 Jahren. Grundschulkinder fänden Kletterparks und Abenteuerspielplätze, junge Erwachsene Sportangebote und Clubs. „Doch die Teenager brauchen etwas anderes. Sie wollen chillen, sich inszenieren und Fotos für soziale Medien machen“, meint Oehler. Ihr Fazit: „Wer Angebote auf die jeweilige Altersstufe zuschneidet, hat einen echten Vorsprung.“
„Auf der Isomatte schläft heute keiner mehr.“
© AdriaVidal – stock.adobe.comInvestitionen bringen Mehrwert auch für Einheimische
Diesen Vorsprung kann man sich zertifizieren lassen. Das Reisenetz, der deutsche Fachverband für Kinder- und Jugendreisen, vergibt das Siegel „Jugendreise-Destination“. Verbandsvorsitzender Peter Schuto, der zugleich Head of Customer Relations bei ruf Jugendreisen ist, erklärt das Prinzip: „Mit der Zertifizierung zeigt eine Region, dass sie Kinder- und Jugendreisen strukturiert, sicher und qualitätsorientiert ermöglicht.“
Der Zertifizierungsprozess wird in Zusammenarbeit mit der Jugendreiseakademie durchgeführt. Geprüft werden etwa die Eignung von Unterkünften, die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die Verlässlichkeit von Angeboten und eine enge Zusammenarbeit vor Ort. In Bayern wurden bisher zwei Regionen mit dem Siegel ausgezeichnet: die Pilotdestinationen Arberland und die Gemeinde Schliersee. Eine dritte soll folgen: Rothenburg ob der Tauber befindet sich mitten im Zertifizierungsprozess.
Investitionen in Infrastruktur für junge Reisende brächten auch der Bevölkerung einen Mehrwert, ist Schuto überzeugt. „Vorhandene Einrichtungen – ob Unterkünfte oder Skatepark – werden durch zusätzliche Gästepotenziale besser ausgelastet“, so der Experte. Seiner Erfahrung nach geht die Rechnung auch langfristig auf: Junge Gäste, die sich in einer Destination wohlgefühlt haben, kommen als Erwachsene wieder. „Die jungen Gäste von heute sind die Stammgäste von morgen“, resümiert der Vorsitzende.
So unterschiedlich die genannten Beispiele sind, so haben sie doch alle eine Gemeinsamkeit: die Überzeugung, dass junge Menschen als Gesprächspartner auf Augenhöhe in die Planung von Angeboten einbezogen werden müssen.
Wie heißt das Zauberwort? Partizipation!
„Wir müssen sie beteiligen, statt sie zu bevormunden,“ findet auch Daniel Sautter. Beim Landesverband Bayern des DJH denkt man daher darüber nach, ein Junior-Team aus zehn jungen Menschen bis zu 26 Jahren aufzusetzen, über das Wünsche und Bedürfnisse der jungen Zielgruppen in die Entscheidungen einfließen sollen – ein Modell, das auf Bundesebene bereits Anwendung befindet. Als inoffizielles Beraterteam könnte das Team Ideen und Wünsche etwa bei Bauvorhaben und Angeboten einbringen, aber auch als Botschafter für die Jugendherbergen wirken und mit auf Delegationsreisen kommen. „Das würde Zeit und Geld kosten, doch beides wäre gut investiert“, glaubt Sautter. „Junge Menschen haben ihr eigenes Mindset, ihre Werte und Erfahrungen. Wir Ältere müssen unsere eigene Atmosphäre auch mal verlassen. Und können dabei nur gewinnen.“
Florian Zoll vom Taubertal-Festival sieht es ähnlich: „Man muss die Zielgruppe fragen, was sie will, und sie ernst nehmen.“ Der „Andi vom Bikepark“ praktiziert das schon: Auf dem Insta-Account des Bikeparks fragt er nach Wünschen und Anregungen. Denn das beste Angebot für junge Gäste entsteht nicht nur für sie, sondern mit ihnen.
Praktische Tipps für Jugend-Angebote
Jugendbeiräte einrichten
Junge Menschen einbinden, statt über sie entscheiden. Wer sie fragt, gewinnt authentische Einblicke, die kein Berater liefert. (D. Sautter, DJH)
Schnell und persönlich reagieren
Bis 23 Uhr antworten, locker kommunizieren, echte Gesichter zeigen. (A. Stadler, Arber-Bergbahn)
Viel Platz für Gemeinschaft
50-Leute-Camps, selbst gebaute Zeltdörfer — wer Gruppen Fläche und Freiheit lässt, bekommt Bindung zurück. (F. Zoll, Taubertal-Festival)
KI-konform werden
Die Online-Präsenz so aufbauen, dass KI sie auslesen kann. Junge Nutzer fragen ChatGPT, nicht Google. (P. Schuto, Reisenetz)
Räume für Teens schaffen
Instagram-Spots, Bars, Cafés — es braucht Orte, an denen sich 13- bis 18-Jährige erwachsen fühlen. (K. Oehler, ruf Jugendreisen)
Alter differenzieren
Zwischen zwölf und 18 liegen Welten. Angebote daher nach Altersgruppen trennen, nicht über einen Kamm scheren. (K. Oehler, ruf Jugendreisen)
Kirchturmdenken ablegen
Nicht nur das eigene Produkt vermarkten, sondern das Gesamterlebnis der Region. (A. Stadler, Arber-Bergbahn)
Komfort ernst nehmen
Junge Gäste erwarten auf Festivals Duschen, saubere Sanitäranlagen, gute Infrastruktur.Wer hier spart, verliert die Zielgruppe. (F. Zoll, Taubertal-Festival)
„Türen offen. Herzen auch“: Unter diesem Motto feiert der Landesverband Bayern des Deutschen Jugendherbergswerks heuer sein 100-jähriges Bestehen. Es war im Dezember 1926, als sich in München vier regionale Zweigausschüsse zum Landesverband für Jugendwandern und Jugendherbergen zusammenschlossen. Die Idee: Junge Menschen sollten raus aus Klassenzimmer und Elternhaus, bezahlbar reisen und über soziale und kulturelle Grenzen hinweg gemeinsam lernen. Dieser Kerngedanke gilt bis heute, auch wenn sich das Konzept in den vergangenen 100 Jahren an die sich verändernde Gesellschaft mit ihren Bedürfnissen angepasst hat. Heute ähneln die bayerischen Jugendherbergen eher modernen Hostels: Spartanische Schlafsäle, ein strenges Regelwerk und Selbstverpflegung mit Hagenbuttentee haben Platz gemacht für komfortable Zimmer (oft mit eigenem Bad), gesunde Mahlzeiten und reichhaltiges Programm. Nicht mehr nur wandernde Jugendliche, sondern vor allem auch Familien, Alleinerziehende und Einzelreisende werden mit diesem Angebot erfolgreich angesprochen.
Seit der Gründung haben 120 Millionen Gäste in bayerischen Jugendherbergen übernachtet. Allein im Jahr 2025 waren es etwa 1,14 Millionen Reisende. Das Netz umfasste zeitweise mehr als 200 Häuser. Heute sind es 46, wovon 34 in Eigenregie und zwölf über Partner betrieben werden. 925 Mitarbeitende organisieren den Betrieb und gestalten die pädagogischen Programme. Übernachtungsgäste müssen Mitglied im DJH sein — deutschlandweit sind das rund 2,4 Millionen Menschen.
Herzlichen Glückwunsch!
Auf weiterhin so gute Zusammenarbeit in der Zukunft
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