KI, Praxis und neue Trends
Was lernen touristische Nachwuchskräfte heute auf Berufs- und Hochschulen? Wir haben bei einem Berufsschullehrer und einem Hochschulprofessor nachgefragt
© stock.adobe.comDoch die Zeiten ändern sich. Künstliche Intelligenz und Digitalisierung, Klimawandel und Nachhaltigkeitsdenken prägen nicht nur die Tourismusbranche, sondern auch pädagogische Prinzipien und Angebote. Wir haben daher nachgefragt, was und wie junge Leute in Studium und Ausbildung heute eigentlich lernen.
11.242 Auszubildende gibt es aktuell im bayerischen Gastgewerbe. 2025 wurde erstmals die 10.000er-Marke geknackt. Auch die Abbruchquote ist gesunken – allein im letzten Jahr von 25 auf 19 %.
Neue Inhalte in den Berufsschulen
Kennen Sie die Bergwaidler? Oder die Hausbeng Buam? Nein? Dann ab zur VolksmusiRoas nach Bodenmais! Zweimal im Jahr organisiert die Bodenmais Tourismus und Marketing GmbH in den Gaststätten und Wirtshäusern vor Ort eine Nacht der Volksmusik mit vielen Bands. Die Idee dazu hatten zwei Lernende einer Berufsschule, Sophia Bernhardt und Dominik Dengler. Für ihre Abschlussarbeit am Staatlichen Beruflichen Schulzentrum Berchtesgadener Land Freilassing (BSZ BGL) mussten sich die angehenden Kaufleute für Tourismus und Freizeit ein Projekt für ihre Ausbildungsstätte überlegen. Das Ergebnis war die VolksmusiRoas, eine nachhaltige Produktentwicklung, die nicht nur Gäste unterhält, sondern auch den Einheimischen die Lebensqualität von Bodenmais bewusst macht.
„Die Abschlussarbeit ist echte Praxis. Die Schülerinnen und Schüler dürfen innovativ und kreativ sein und wachsen dabei meist über sich hinaus,” freut sich Thomas Öllinger, Studiendirektor am BSZ BGL. Es ist neben Füssen und Nürnberg eine von drei bayerischen Berufsschulen, die die duale Ausbildung zu „Kauffrau/mann für Tourismus und Freizeit“ anbieten. Das Berufsbild gibt es seit 2005. Davor machten Azubis in Tourismus-Betrieben meistens eine Lehre zum/zur Bürokaufrau/mann oder fürs Reisebüro. Mit der Entwicklung des „Fremdenverkehrs“ zum Qualitätstourismus wurde aber klar, dass junge Mitarbeitende besser geschult werden müssen, und man schuf das neue Berufsbild. Das Grundgerüst dieser dualen Ausbildung – Praxis am Arbeitsplatz, Theorie im Blockunterricht in der Berufsschule – ist bis heute unverändert. Doch thematisch hat sich durch Trends wie Digitalisierung oder Nachhaltigkeit einiges verschoben. „Nachhaltige Produkt- und Destinationsentwicklung ist heute im Unterricht stark präsent, und die Auszubildenden müssen ihre Projekte praxisnah managen“, so Öllinger.
800 Azubis etwa lassen sich aktuell an Berufsschulen in ganz Deutschland zum Kaufmann/ zur Kauffrau für Tourismus und Freizeit ausbilden.
Kernthemen sind neben Geografie und serviceorientierter Beratung auch Marketinganalysen, Strategien und Produktentwicklung, Preispolitik, Eventplanung. Auch auf neue Anforderungen in den Betrieben reagieren die Berufsschulen. „Themen wie Tourismus-Akzeptanz, Klimawandel oder KI können wir schnell und flexibel in den Unterricht einbauen“, erläutert Öllinger. So gab es Exkursionen in Regionen, wo der Wintertourismus wegen Schneemangel in Gefahr ist.
Auslandspraktika spornen die Azubis an
Nach Gesprächen vor Ort tüftelten die Azubis an Vorschlägen für diese Regionen. Zum Thema KI dagegen lernen die Auszubildenden nicht nur den praktischen Umgang mit ihr, sondern auch ihre Grenzen. „Sie beauftragen die KI, ein Programm für Urlaub im eigenen Ort zusammenstellen. Da sehen sie dann, dass neben guten Ideen auch viel Falsches herauskommt. Ein Aha-Erlebnis!“, so Öllinger. Außerdem ließen sich durch solche Inhalte die Lebensrealität und Interessen der jungen Menschen aufgreifen.
40–50 % der Auszubildenden im bayerischen Gastgewerbe stammen aus dem Ausland, vorwiegend aus Vietnam, Indonesien, Indien und Kenia. Die Abbruchquote der internationalen Azubis liegt noch unter dem Gesamtschnitt.
Angehende Tourismuskaufleute können auch ein Auslandspraktikum machen, das über Erasmus gefördert wird. „Wenn sie wieder zurück sind, haben sie sich meist enorm weiterentwickelt“, hat Öllinger beobachtet. „Viele sehen dann auch, welche Möglichkeiten sie im Tourismus haben. Das spornt total an.“ Schade nur, sagt Öllinger, dass viele touristische Einzeldienstleister den Ausbildungsberuf zu Kaufmann und Kauffrau für Tourismus und Freizeit gar nicht kennen würden.
Die Digitalisierung der Hochschule
Studierende nutzen künstliche Intelligenz. Ihre Arbeiten und Analysen klingen entsprechend geschliffen. Anderes zu erwarten, wäre weltfremd, findet Tilman Schröder. „Aber wir reagieren darauf“, sagt der Professor und Prodekan der Fakultät für Tourismus an der Hochschule München. „Die Studierenden reichen nicht nur ihre Arbeiten ein, sie müssen sie auch präsentieren. Sie sollen ja von der Arbeitserleichterung durch die neuen Tools profitieren. Aber wir wollen auch sehen, ob sie ihr Thema wirklich verstanden haben.“
Etwa 75 Hochschulen und Universitäten in Deutschland bieten Tourismus- Studiengänge an. Rund 3.200 Studierende beginnen jedes Jahr ihren Tourismus-Bachelor.
Auch wenn die Bachelor- und Masterstudiengänge für Tourismus praxisnah gestaltet sind – der theoretische Unterbau muss sitzen. Für den Bachelorabschluss erarbeiten sich die Studierenden BWL- Grundlagen und Fachwissen wie Destination Management oder Tourism Management; sie erwerben wissenschaftliche Methodik und interkulturelle Kompetenzen. „Dieses Wissen kann kein ChatGPT ersetzen“, findet Tilman Schröder. Er hat festgestellt, dass Bachelor-Studierende besonders Kompetenzfelder wie digitales Marketing, Hospitality, Luftverkehr oder Nachhaltigkeit interessieren.
Interdisziplinär und ortsunabhängig
Beim neuen digitalen Studiengang „Transformation und nachhaltige Lebensraumentwicklung – Tourismus neu gestalten“, den die Katholische Universität Eichstätt- Ingolfstadt in Kooperation mit den Hochschulen München, Deggendorf und Kempten anbietet, spezialisieren sich die Studierenden. „Das Angebot wird sehr gut angenommen, weil sich die Studierenden hier interdisziplinär mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen beschäftigen, an konkreten Praxisprojekten arbeiten und ortsunabhängig studieren können“, berichtet Schröders Kollege und Studiengangskoordinator Prof. Simon Werther.
„Der Tourismus bleibt ein People Business, auf das ein Studium sehr gut vorbereitet“
Das fünfte Semester wird auf Englisch abgehalten
Grundsätzlich hat Schröder beobachtet, dass sich die Studierenden für alles interessieren, was ihre eigene Lebenswelt betrifft. Neben KI als Thema begeistern auch Social Media oder Influencer Marketing. „Als Hochschule mit Prüfungsordnungen können wir zwar nicht so einfach die Studieninhalte ändern“, sagt Schröder. „Aber solche Themen lassen sich gut in Projektarbeiten integrieren, wodurch etwa Marketingtheorie gleich viel lebendiger wird!“
Auch Dozenten können Trends und neue Entwicklungen in ihre Seminare einfließen lassen. So arbeiten Studierende im Projekt „Food und Wellbeing“ mit dem Gründerzentrum der Hochschule zusammen, dem Strascheg Center for Entrepreneurship. „Sie schlüpfen da in die Rolle von Unternehmensberatern und erarbeiten Konzepte zu Themen, die eine Destination oder ein Hotel aktuell beschäftigen. Das Gelernte in die Praxis übertragen zu können, kommt bei ihnen sehr gut an.“
Auch das Lernverhalten der jungen Generationen hat sich verändert. Seit Covid spielen digitale Elemente an der Hochschule eine größere Rolle. „Wir können interaktive Lernformate anbieten, das macht die Lehre abwechslungsreicher“, so Prof. Schröder. „Und wir können digital korrigieren und prüfen!“ Der digitale Fortschritt sorge auch für Bewegung im Austausch etwa mit Partnerhochschulen. „Expertinnen oder Experten zu bestimmten Themen schalten wir einfach online zur Veranstaltung dazu, ohne sie einfliegen zu müssen.“
1.200 Studentinnen und Studenten sind an der Hochschule München (insgesamt 18.500 Studierende) im Fach Tourismus eingeschrieben. Damit hat die Hochschule München die größte deutsche Fakultät im Bereich Tourismus.
Der Campus in München ist ein internationaler Ort. Die Fakultät für Tourismus hat rund 50 Partnerhochschulen weltweit und diese schicken ihre Studierenden auch nach Bayern. „Außerdem haben wir 2018 ein internationales Semester eingeführt. Das fünfte Semester wird jetzt immer auf Englisch abgehalten; an den Veranstaltungen nehmen auch die Gaststudierenden teil. Das ist nicht nur toll fürs Netzwerken, alle lernen auch kulturell viel voneinander“, freut sich Schröder. Vom Mehrwert eines Hochschulstudiums für angehende Touristiker auch im KI-Zeitlalter ist er fest überzeugt. „Der Tourismus bleibt ein People Business. Wer Daten und Informationen kritisch bewerten kann und im Umgang mit Menschen gute Skills hat, ist bestens vorbereitet und muss sich um seine berufliche Zukunft kaum sorgen.“
Mit VR-Brillen, Ausbildungsbotschaftern und eigener Akademie wirbt der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA Bayern um Auszubildende – und setzt auf frühzeitige Begeisterung.
„Mach dein Ding“: Unter diesem Motto hat der DEHOGA Bayern im Oktober 2025 sein Ausbildungsmarketing komplett neu aufgesetzt. Mit den Jugendlichen wird nun auf Augenhöhe kommuniziert – mit modernem Design, junger Sprache, Social-Media-Präsenz und Azubi-Testimonials. „Außerdem haben wir eine VR-Brille entwickeln lassen, mit der Interessierte auf Messen drei Berufe testen können – an der Rezeption, an der Bar und in der Küche“, berichtet Catherine Karanja, Geschäftsführerin Berufsbildung & Fachkräftesicherung beim DEHOGA Bayern.
Bühne frei für den Nachwuchs: Deutlicher lässt sich Wertschätzung kaum zeigen: Für seine Jugendmeisterschaften mietet der DEHOGA Bayern die Münchner Allianz Arena an – und lässt Ehrengäste wie Uli Hoeneß und Starköche auftreten. Letztes Jahr übertrug der BR.
Berufsorientierung schon auf der Schulbank: Das Projekt „Bayern schmeckt“ richtet sich an Realschulen, die „Europa Miniköche“ sprechen Zehn- bis Sechzehnjährige an. Wer über das „Miniköche“-Programm eine Ausbildung beginnt, erhält von der Günnewig-Stiftung 100 Euro netto monatlich zum Azubi-Gehalt dazu. 193 ehrenamtliche Ausbildungsbotschafter werben in Schulen für die Branche. Dazu kommen 103 zertifizierte Top-Ausbildungsbetriebe, deren Qualitätsstatus die Azubis selbst bestätigen. „Aktuell bewerben wir die Zertifizierung und wollen noch mehr Betriebe gewinnen“, so Karanja.
Vom Azubi zum Unternehmer: Die „Akademie junger Gastronomen“ vermittelt Azubis im zweiten und dritten Lehrjahr unternehmerisches Wissen von der Betriebsgründung bis hin zur Kalkulation. Das Netzwerk „Forum Junge Gastgeber“ wiederum vernetzt nicht nur über 700 Gastronomen unter 40 , sondern unterstützt auch Betriebsübernahmen.