„Generationseffekte sind selten. Das Alter prägt oft viel stärker“
© Marina Weigl-EbelingHerr Dr. Hampel, Boomer sind angeblich fleißig, Millennials verwirklichen sich selbst und die Gen X will Me-Time. In den Medien herrscht mittlerweile der Eindruck, als würde die Gesellschaft nur noch nach Generationen katalogisiert, denen bestimmte feste Eigenschaften zugeschrieben werden. Warum ist das so – und was halten Sie davon?
Eine gute Frage! Das Einteilen der Menschen in Generationen ist zunächst einmal ein Ordnungsprinzip, an dem man sich ganz gut entlanghangeln kann. Eine Generation ist eine Gruppe von Menschen, die sich über ihr Geburtsjahr definiert, nicht über ihr Alter. Das Denken in Generationen hilft, komplexe Situationen oder Entwicklungen in der Gesellschaft vereinfachend greifbar zu machen. Wenn wir aber Generationen bestimmte Eigenschaften zuschreiben, dann führt das leicht dazu, dass diese Vereinfachung mit Erklärung verwechselt wird. Und damit wird eine Homogenität innerhalb einer Generation suggeriert, die tatsächlich überhaupt nicht existiert. Ich selbst gehöre noch zur Gen Z, aber wäre ich sieben Monate früher geboren, dann würde ich zu den Millennials gehören und wäre ein völlig anderer Mensch! (lacht). Das erzähle ich gerne in meinen Vorträgen; es macht meinen Standpunkt klar. Wissenschaftlich ist das Generationenkonzept bislang nicht haltbar. Es gibt auch keine gültige Definition oder Klassifizierung von Generationen. Bei den Altersspannen bzw. Jahrgängen herrscht wenig Einigkeit.
Populärwissenschaftlich hat sich die Einteilung in Boomer, Gen X, Millennials, Gen Z und Gen Alpha durchgesetzt. Und die Annahme, dass eine Generation durch die gemeinsame Prägung in der Jugend entsteht. Diese Vorstellung ergibt aber doch Sinn, oder?
Man kann einer Generation – also Menschen, die im selben Zeitraum geboren wurden – durchaus gemeinsame Referenzerfahrungen zuschreiben. Diese Erfahrungen erklären aber kein individuelles Verhalten. Und so, wie heute in unserer Gesellschaft, in den Medien und in der Arbeitswelt über Generationen gesprochen wird, meint man in Wirklichkeit oft auch die Altersgruppen. Das wird häufig vermischt, und man übernimmt dann oft Stereotype, die aber nichts mit Generationen zu tun haben, sondern mit Altersgruppen. Wenn es also zum Beispiel heißt, dass die Gen Z nur an ihrer Freizeit interessiert ist und sich vor allem mit sich selbst beschäftigt, dann hat das viel eher mit typischem Verhalten ihrer Altersgruppe zu tun als mit den Eigenschaften einer Generation. Man muss da sehr vorsichtig sein. Wenn man sich tiefer mit solchen Zuschreibungen beschäftigt, stellt man fest, dass solche Eigenschaften sehr oft Perioden- oder Alterseffekte sind und keine Generationseffekte.
© Marc-Steffen UngerDr. Kilian Hampel
Der promovierte Politologe ist Senior Reserach Follower am Future of Work Lab in Konstanz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Generationenmiteinander und Altersunterschiede am Arbeitsplatz. Seit 2023 ist er Co-Autor der Trendstudie „Jugend in Deutschland“. Die Trendstudie 2026 hat der gebürtige Kemptener gemeinsam mit Simon Schnetzer, Prof. Klaus Hurrelmann und Prof. Nina Kolleck herausgegeben.
Können Sie das anhand der Menschen zwischen 14 und 29 Jahren, die Sie in Ihren Studien untersuchen, veranschaulichen?
Bei jungen Menschen um Mitte 20 beobachten wir beispielsweise häufig eine gewisse Unsicherheit. Die lässt sich aber darauf zurückführen, dass sie in dieser Lebensphase weniger Geld haben, wenig Arbeitserfahrung. Sie sitzen noch nicht fest im Sattel, sehnen sich deshalb nach Sicherheit. Die ältere Generation hat in der Regel nicht nur mehr finanzielle Ressourcen, sondern auch stabilere Verhältnisse, mehr Lebenserfahrung, fühlt sich also grundsätzlich sicherer.
Dieser Wunsch nach Sicherheit ist also ein Alterseffekt?
Ja, ebenso wie das grundsätzlich stärkere Interesse der Jungen an Freizeit und Freunden. Einen Periodeneffekt könnte dagegen die Covid-Pandemie gehabt haben, denn Corona hat die ganze Bevölkerung betroffen, unabhängig von Alter oder Generation. Ein Generationseffekt ist wiederum, wie die Pandemie diejenigen psychisch belastet hat, die damals Jugendliche waren. Diesen jungen Menschen fehlen oft wichtige soziale Erfahrungen, die konnten damals nicht ausgehen, hatten kein soziales Leben, konnten keine Partnerschaften eingehen und sich praktisch nicht weiterentwickeln. Zudem hatten sie weniger Ressourcen und Resilienz, um das alles abzufedern. Doch auch das muss man weiter beobachten. Denn Effekte werden meist erst mit einem gewissen zeitlichen Abstand wirklich klar.
Welche historischen und gesellschaftlichen Ereignisse oder Rahmenbedingungen haben die älteren Generationen geprägt?
Bei meinen Vorträgen frage ich tatsächlich immer in die Runde, was die Leute in ihrer Jugend geprägt hat. Da sprudelt es dann nur so! Die Boomer sagen oft, dass es keine leichten Zeiten waren: Immer und überall war man sehr zahlreich, erst in der Schule und später in der Ausbildung; man musste sich durchsetzen und sehen, wo man bleibt. Aber auch der wirtschaftliche Aufschwung hat prägend gewirkt – und das Wohlstandsversprechen: Wenn du hart arbeitest, dann schaffst du es und wirst belohnt. Daran haben alle geglaubt.
Und die jüngeren?
Die jüngeren Generationen heute sind schon sehr von einer Art Dauerkrisenmodus geprägt. Wirtschaftliche Unsicherheit, Klimawandel, Kriege, Wohnungsnot. Ganz neu, das haben wir in unserer aktuellen Studie festgestellt, ist die Sorge um die berufliche Zukunft hinzugekommen. Eine Zeit lang sah es ja vor allem aus demografischen Gründen sehr gut aus für junge Leute; es gab einen Arbeitnehmermarkt. Doch jetzt stecken Unternehmen wegen KI zurück, und viele junge Menschen – gerade solche, die erst ihren Abschluss gemacht haben und noch ohne Arbeitserfahrung sind – fürchten sich nun vor Arbeitslosigkeit. Das Wohlstandsversprechen gibt es nicht mehr. Die Jungen wissen, dass sie nicht mehr allein ihres Glückes Schmied sind.
Wie wirkt sich dieses Gefühl allgemeiner Unsicherheit auf die jüngeren Generationen aus?
Bei ihnen entsteht der Eindruck, dass eine Krise die nächste jagt und sie darauf keinen Einfluss haben. Es macht sich ein gewisses Gefühl der Ohnmacht und der Perspektivlosigkeit breit. Die jungen Menschen haben auch den Eindruck, dass ihnen durch die Beschäftigung mit den vielen Krisen die Zeit genommen wird, auf sich selbst zu achten. Daraus resultiert zweierlei: zum einen Sicherheit als wichtiger Wert im Leben und zum anderen das Bedürfnis, sich um sich selbst zu kümmern. Im Beruf, aber auch privat.
Junge Leute werden vom Geld motiviert. Nicht weil sie Geld an sich sexy finden, sondern weil es ihnen Sicherheit gibt.
Wenn Sie in Ihren Studien junge Leute fragen, was sie im Beruf am meisten motiviert, steht da seit ein paar Jahren an erster Stelle immer das Geld. Was ist aus Idealismus und Sinnhaftigkeit geworden? Oder aus dem Spaß an der Arbeit?
In den Pandemiejahren stand tatsächlich noch der Spaß ganz oben. Inzwischen macht sich eben auch bei der Motivation das Bedürfnis nach Sicherheit bemerkbar. Geld gibt Sicherheit. Es ist also nicht so, dass die Jungen Geld an sich sexy finden, sondern Geld motiviert sie, weil es sie in unsicheren Zeiten beruhigt. Sinnhaftigkeit wiederum ist ein Wert, der tatsächlich vielen jungen Generationen zugeschrieben wird. Aber er steht in ihrer Rangliste der Bedürfnisse an unterster Stelle. Laut der Maslowschen Bedürfnishierarchie will der Mensch erst physiologische und dann Sicherheitsbedürfnisse befriedigen. Die Selbstverwirklichung kommt ganz zum Schluss. Und momentan geht es eben mehr darum, erst mal Geld zu verdienen und fürs Alter vorzusorgen. Diese Präferenzen können sich bei einer Veränderung der Umstände aber auch relativ schnell wieder ändern.
Welche Bedeutung hat Arbeit an sich für die jungen Generationen?
Die jungen wissen natürlich so wie die älteren Generationen, dass Arbeit einfach dazugehört. Aber sie sehen Arbeit auch positiv. Wir haben vor ein paar Jahren für unsere Studie gefragt, was die Leute tun würden, wenn sie so viel Geld erben würden, dass sie nicht mehr zu arbeiten brauchten. Von den drei befragten Altersgruppen waren es die Jungen, von denen die meisten – 62 Prozent – normal full time weiterarbeiten wollten. Es sind auch die Jungen, die von allen Altersgruppen am stärksten Vollzeit arbeiten. Das betone ich ganz bewusst, weil die Teilzeitdebatte, die wir gerade haben, ja oft benutzt wird, um auf die jungen Generationen zu schimpfen, die sich angeblich nur für ihre Freizeit interessieren. Aber in unseren Studien sehen wir das überhaupt nicht. Und auch das Thema Work-Life- Balance ist nichts, was exklusiv die Jüngeren betrifft. Da hat sich etwas in der Arbeitswelt geändert, und die Bedeutung dieses Themas sehen wir durchgängig in allen Altersgruppen. Den 30- bis 49-Jährigen liegt das sogar noch stärker am Herzen als den ganz Jungen.
Wozu führt eigentlich die frühe Digitalisierung der jungen Generationen?
Natürlich macht es etwas aus, wenn man zu dieser Technik schon von Kindheit an Zugang hat. Man bekommt ein Gefühl für das Grundschema des Digitalen. Aber nach allem, was ich weiß, führt es nicht zwangsläufig dazu, dass junge Menschen automatisch über hervorragende digitale Kompetenzen verfügen. Die müssen schon auch aktiv erworben werden. Ich sehe da keine so große Kluft zwischen jüngeren und älteren Menschen.
Welche Erkenntnis aus Ihren Studien zu den jungen Generationen hat Sie überrascht?
Dass Höflichkeit als konkrete Tugend für sie wichtiger ist als für die älteren Menschen. Das beobachten wir jetzt schon seit ein paar Jahren. Hätten Sie auch nicht gedacht, oder?
Erfahren Sie mehr zu den Trendstudien „Jugend in Deutschland“.
WIE ALLES BEGANN
Die Generationenforschung stützt sich bis heute auf Karl Mannheims wegweisenden Essay „Das Problem der Generationen“ (1928). Mannheim war Philosoph und Soziologe und lehrte unter anderem in Heidelberg und Frankfurt am Main. Er definierte eine Generation nicht biologisch als Abstammungsgruppe – also als sämtliche Nachkommen eines Elternpaars oder einer Population, die sich im selben Fortpflanzungsstadium befinden –, sondern soziologisch: Für ihn entstand eine Generation immer dann, wenn Menschen ähnlichen Alters dieselben historischen Erfahrungen teilen und dadurch eine gemeinsame Deutungsweise der Welt entwickeln.
VORSICHT VOR VORURTEILEN
Die heutige Soziologie greift Mannheims Konzepte teilweise auf. Die Verwendung von stark pauschalisierenden Labels wie Generation X, Millennials oder Gen Z wird allerdings auch kritisiert, denn gerade populärwissenschaftliche Veröffentlichungen neigen zu Verallgemeinerungen und Pauschalurteilen und schaffen so leicht Vorurteile. Sicher fährt, wer bedenkt, dass die Generationenzugehörigkeit neben Alter, Bildung, Sozialstatus, Biografie etc. nur eine Variable unter vielen ist.
© Marina Weigl-Ebeling, Marc-Steffen Unger