Eine Frage der Perspektive
Junge Menschen sehen Tourismus in ihrem Heimatort oft kritischer als die älteren Einheimischen. In diesem Essay denkt Zukunftsforscher Tristan Horx über die Gründe nach. Und fragt sich, ob Workation die Antwort sein könnte
Die Jugend leidet unter dem touristischen Erfolg
Während ältere Einheimische genau wissen, was sie dem Tourismus zu verdanken haben – Arbeitsplätze, Infrastruktur, Lebensqualität –, stehen die jüngeren Generationen dem Tourismus oft negativer gegenüber. Sie beklagen Menschengedränge, Parkprobleme oder hohe Mietkosten, ohne die Vorteile wahrzunehmen, die die Branche ihrer Region bringt. Ihre Tourismusakzeptanz ist spürbar geringer. „Suffering from Success“ beschreibt diese Haltung ganz gut.
Doch wie kommt es dazu? Ich sehe hier mehrere Erklärungsansätze, etwa einen Shift von der Globalisierung zu einer Form von Regionalisierung. Denn beflügelt durch die internationalen Konflikte unserer Zeit, dürfte der positive Blick auf die Globalisierung seinen Gipfelpunkt bereits erreicht haben. In vielen Ländern verschaffen sich nun nationalistische Überzeugungen immer mehr Gehör; das Pendel scheint also eher zurückzuschwingen. Doch was normalerweise als gefährliche Regression wahrgenommen wird, könnte auch als Korrekturschleife gedeutet werden: Die Globalisierungs- und Wachstumsjahre waren überhitzt, vielerorts auch im Tourismus mit dem enormen Anwachsen der Ströme an Reisenden von überallher, die überallhin wollen und andere Kulturen und Länder vielfach ohne echtes Interesse schlichtweg konsumieren.
Eine neue Generation muss Fragen stellen dürfen
Insofern überrascht nicht, dass sich zurzeit ein gewisser „Regionalismus“ ausbreitet. Stolz auf die eigene Region zu sein, ihre Eigenheiten und Kultur schützen und bewahren zu wollen, ist im Vergleich zum stumpfen, auf Abgrenzung beruhenden Nationalismus eine wunderbare Angelegenheit. Natürlich wird dabei auch kritisch hinterfragt: Ab wie vielen Gästen wird unsere Region zu einem reinen Konsumort von Kultur gegen Bezahlung? Und wollen wir das? Eine neue, rebellische Generation darf, ja muss diese Fragen stellen. Doch sie braucht auch Verständnis dafür, woher der Wohlstand kommt.
Privilegien werden häufig für selbstverständlich gehalten. Eine junge Generation, die nicht erlebt hat, welchen Wohlstand der Tourismus ihrer Region gebracht hat, kann ihn nicht wertschätzen. Viele heute blühende Urlaubsdestinationen waren einst arme Agrargesellschaften, die sich mit der Landwirtschaft gerade über Wasser halten konnten. Landflucht war die Norm. Erst der Tourismus beförderte diese Regionen in den Wohlstand. Wer aber in ein Zuhause voller Arbeitsplätze, Gastro- und Kulturangebote, Freibäder und Lebensqualität hineingeboren wurde, dem sind diese Privilegien nicht bewusst. Der spürt nur, dass sie ihm von Touristen womöglich streitig gemacht werden.
Auch das Nachhaltigkeitsdenken spielt eine Rolle in der Ablehnung. Zwar heißt es, dass Nachhaltigkeit „out“ sei. Ob das zutrifft? Richtig ist, dass ökologisches Handeln in knappen oder unsicheren Zeiten eher nicht angesagt ist. Denn dann entscheiden die Menschen nicht nach Ethik, sondern nach Geldbeutel. Und doch: Die Proteste von Fridays for Future haben sich in die geistige DNA der jüngeren Generationen eingebrannt. Daher sehen viele junge Menschen Übertourismus vor allem unter dem Nachhaltigkeitsaspekt. Die Sorge, dass zu viele Menschen, zu viele Autos, zu viele Anreisen auf der Basis fossiler Brennstoffe einer Region Schaden zufügen können, ist legitim. Was ich dagegen nicht erkennen kann, ist eine Ablehnung von Tourismus auf der Basis kultureller Aversion gegenüber anderen Menschen. Denn kulturelle Unterschiede finden die jungen Generationen wunderbar. Sie sind divers wie nie zuvor, und diese Diversität prägt ihr Bild vom Tourismus. Nicht Weltoffenheit fehlt ihnen, sondern das Wissen darüber, wie es anderswo aussieht. Insofern wäre ein Perspektivwechsel angesagt. Etwa in Form touristischer Austauschprogramme. Junge Einheimische aus einer bayerischen Urlaubsdestination gehen für eine Woche in einen Ort ohne Tourismus, in dem ein verwaistes Ortszentrum und geschlossene Lokale dominieren.
„Es braucht den Blick über den Tellerrand. Das Wissen, wie es anderswo aussieht“
Von einem Austauschprogramm profitieren alle
Das öffnet die Augen. Auch denen, die aus einem solchen Ort in eine pulsierende Ausflugsregion kommen. Womöglich erkennen sie, was sie selbst tun könnten, um ihren Wohnort touristisch attraktiv zu gestalten. Doch der Perspektivwechsel allein genügt nicht. Es braucht auch neue Modelle, die das Verhältnis zwischen Gästen und Einheimischen grundlegend neu gestalten. Denn zur Entfremdung führt vor allem ein Tourismus ohne echte Interaktionen zwischen Gästen und Einheimischen, ohne Zeit füreinander, ohne wechselseitiges Interesse. Dagegen sollte man sich als Einheimischer – ob jung oder alt – unbedingt wehren dürfen. Und nach Lösungen suchen, die auf einen besseren, authentischeren Umgang zwischen Gästen und Einheimischen setzen.
Das Ziel: Zukunftsträchtiger Resonanztourismus
Zum Beispiel, indem man innovative, attraktive Angebote für einen längeren Aufenthalt entwickelt. Und eine neue Kulturtechnik etabliert, die sich bestens dafür eignen würde: die Workation. Die Verbindung von Urlaub und Arbeit zwingt den Gast förmlich zur Entschleunigung. Und wer vor Ort arbeitet, erlebt auch den Alltag einer Destination, nicht bloß seine touristische Inszenierung. Da immer mehr Menschen in digitalen Berufen arbeiten, wächst die Zielgruppe hier ständig an. Workation verlangt aber auch nach der Integration des Gastes, wie sie sich viele junge Gäste und Einheimische wünschen. Sie ist zukunftsträchtiger Resonanztourismus, bei dem Gastgeber und Gäste zusammen schwingen. Und sich gemeinsam wohlfühlen. Auch die jungen.
© Tristan Horx, www.tristan-horx.com / Klaus Vyhnalek