Nahaufnahme von handgeschmiedeten Kuhschellen in einem historischen Werkstatt-Umfeld.

Und die Welt sieht uns zu

Das Kooperationsprojekt „Crafted in Bavaria“ macht bayerisches Traditionshandwerk und bayerische Museen digital erlebbar – auf Google Arts & Culture. Es zeigt, wie auch aus kleinen Netzwerken etwas richtig Großes werden kann

Daniel Ramm Autor

Erst vernetzten sich die Museen untereinander. Dann kam Google

Es begann während der Corona-Pandemie. Daniela Hitzler, bei der Bayern Tourismus Marketing GmbH in der Stabsstelle Marketing beschäftigt, sah ein gewaltiges Potenzial brach liegen – Bayerns identitätsstiftendes Handwerk. Denn das ist im Freistaat noch sehr vielfältig und lebendig: Glasbläserinnen und Schnitzer, Töpferinnen und Geigenbauer arbeiten in den Traditionsberufen. Doch dieses so rare wie kostbare Erbe zeigte sich vor allem analog. Man musste schon hinfahren zu den Leuten oder ins Museum gehen, um das Handwerk zu erleben. Im Internet war kaum etwas zu finden.

„Ich wollte unser Traditionshandwerk aber auch digital sichtbar machen“, erinnert sich Daniela Hitzler. Sie suchte nach Plattformlösungen, bis ihr Blick auf die größte aller digitalen Kultur-Plattformen fiel: Google Arts & Culture. Ein virtueller Museen-Tempel, der heute Inhalte von weltweit 3.000 Kunstinstitutionen digital zugänglich macht, sich damals aber noch auf die berühmtesten Museen der Welt beschränkte: Man konnte virtuell durch das New Yorker MoMA, die Londoner National Gallery oder den Pariser Louvre schlendern. Entsprechend groß war Hitzlers Ehrfurcht: Was war neben der Mona Lisa schon ein fränkischer Korbflechter? Sie überlegte weiter. Und hatte irgendwann die durchschlagende Idee: In Bayern gab es doch so viele Handwerksmuseen. Konnte man nicht deren historische Tiefe und Exponate benutzen, um das Traditionshandwerk zu ins­zenieren? Also die Museen zei­gen – und mit ihnen die­jeni­gen, die die alten Berufe ausüben? Daniela Hitzler griff zum Telefon und rief Martin Spantig an. Der arbeitet in der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. Und das passte perfekt.

Ein Schmied bearbeitet glühendes Metall auf einem Amboss in einer traditionellen Schmiede, umgeben von Werkzeugen und Metallobjekten.© Peter von Felbert
Bis heute wird in Bayern viel von Hand geschmiedet – Kuhschellen etwa. Früher hatten auch Schlossherren Bedarf an Geschmiedetem. Woran genau, entdeckt man im Stadtmuseum Burghausen – und auf Google Arts & Culture.
Innenansicht eines Museums mit einer Rüstung und historischen Waffen, die an einer Wand aus alten Steinen ausgestellt sind.© Florian Trykowski
Eine Nahaufnahme eines Schmiedefeuers mit Flammen und glühendem Metall, umgeben von glühenden Kohlen und Werkzeugen.© Peter von Felbert

Basis: Die Kooperation zwischen BayTM und Landesstelle

Denn Spantig betreut dort seit 2015 das Projekt „Denkmalschutz, Museum, Tourismus und Lebenswelt“, bei dem die Landesstelle mit der BayTM (und seit 2024 auch mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege) kooperiert. Er weiß, dass seiner Museum-Klientel nicht zu viel, sondern eher zu wenig Besuch zu schaffen macht. Das Koope­rationsprojekt unterstützt deshalb mehr als 1.200 nichtstaatliche Museen dabei, nicht nur kulturell, sondern auch touristisch zu denken. Für die Öffentlichkeit sichtbar und attraktiv zu werden, Storytelling einzusetzen, für einen Museumsbesuch auch mal emotional zu werben. Und sich zu vernetzen – seit 2019 betreut die Landesstelle zehn Museumsnetzwerke, in denen Häuser mit ähnlicher Thematik und anderen Gemeinsamkeiten zusammenarbeiten und sich austauschen.

Die Idee mit dem bayerischen Handwerk überzeugte Google

Diese Kooperation zwischen BayTM und Landesstelle war das Fundament, ohne das der digitale Hebel kaum hätte angesetzt werden können. Spantig: „Wir hatten dadurch schon Zugang zu den Museen, kannten die Leute, wussten, wer guten Content besaß. Die Museen kannten auch uns – und unsere bisweilen ausgefallenen Ideen. Das hat uns den Weg geebnet.“

Doch zunächst musste der Weg zu Google Arts & Culture geebnet werden. Nicht so einfach, denn als Destination oder Museum kann man sich dort nicht bewerben. Es gibt nicht einmal eine offizielle Telefonnummer. „Google ist wie ein Türsteher und entscheidet, wer reinkommt“, erklärt Hitzler. Man beschloss, es trotzdem zu versuchen. Über „den Kontakt eines Kontakts“ fand sich eine Telefonnummer und so habe man einfach mal angeklingelt, erzählt Spantig. Es folgte jener Moment, den Spantig heute als „glücklichen Umstand“ bezeichnet, denn es meldete sich eine Google-Mitarbeiterin, die in Bayern Kunstgeschichte studiert hatte. Und die, erinnert sich Hitzler, „total begeistert“ war, weil das Projekt eben nicht noch eine weitere weltberühmte Sammlung abbildete. Spantig: „Der Pitch dauerte vielleicht 60 Sekunden. Dann war der Kas gegessen.“

Die Tür zum Google-Online-Kunst-Portal stand also offen. Nun konnte es an die Arbeit gehen: Museen mussten gefunden werden, die am besten zum bayerischen Traditionshandwerk passten. Hier erwiesen sich die Museumsnetzwerke als äußerst hilfreich. Spantig sah sich in ihnen um, rief geeignete Häuser an. 23 bayerische Museen aus Bereichen wie Braukunst, Holzhandwerk und Schmiedekunst – vom Freilichtmu­seum Massing bis zum Töpfermuseum in Thurnau – konnten schließlich überzeugt werden.

„Crafted in Bavaria“ macht kleine Museen weltweit sichtbar

Die größte Hürde war dann rechtlicher Natur. Die Museen sollten einen Vertrag über praktisch uneingeschränkte Bildnutzung mit Google unterzeichnen. „Davor hatten manche richtig Angst“, erinnert sich Spantig. Wieder war es die Kooperation, die das Projekt rettete. Die Bayern Tourismus Marketing GmbH spannte einen Schutzschirm für den Museumsverbund: Sie unterzeichnete einen einzi­gen großen Vertrag mit Google und schloss 23 klei­nere, angepasste Verträge mit den Museen. „Eine ziemliche Erleichterung für alle“, bringt es Hitzler auf den Punkt.

Im Januar 2025 konnte „Crafted in Bavaria“ schließlich im Deutschen Museum gelauncht werden. Mit 23 Museen, 14 Handwerksbetrieben, über 60 kuratierten Online-Ausstellungen, über Tausend Bildern, mit acht virtuellen Touren. Ein voller medialer Erfolg! Die Frankfurter All­gemeine Zeitung schrieb an­erkennend: „Die Vielfalt alten Handwerks erstaunt und überfrachtet nicht mit Infor­mationen.“ Ein weiterer Coup: Mit „Crafted in Bavaria“ war bzw. ist Bayern die erste deutschsprachige Destination, die auf Google Arts & Culture eine eigene Rubrik erhielt. Zum Launch reiste sogar der Gründer von Google Arts & Culture an, Amit Sood. Und gab die Anek­dote zum Besten, wie seine Mutter in Indien nun fasziniert vor ihrem Tablet sitze und fränkische Trachten bewundere.

„Crafted in Bavaria“ ist eine Kooperation, die nicht nur nach außen strahlt, sondern auch nach innen wirkt

„Crafted in Bavaria“ ist eine Kooperation mit doppelter Wirkung. Nach außen erhält Bayern eine globale, zweisprachige Bühne, die dazu inspiriert, einmal persönlich in den Freistaat zu reisen. Das digitale Aushänge­schild dient der Image- und Bekanntheitspflege und soll auch den analogen Tourismus ankurbeln. Kleine und auch abgelegene Museen bekommen Gelegenheit, sich der Weltöffentlichkeit zu zeigen – sonst undenkbar. Fast noch wichtiger ist aber die Wirkung nach innen. Die digitale Aufwertung durch Google hat die Relevanz der kleinen Museen in ihren Heimatregionen gestärkt. Eines der Museen sollte beispielsweise geschlossen werden. Jetzt, da es bei Google digital präsent ist, wird über die Entscheidung noch einmal gründlich nachgedacht.

„Crafted in Bavaria“, das es inzwischen sogar unter die TopFive beim Deutschen Tourismuspreis 2025 hat, zeigt, welche ungeahnten Chancen Kooperationen eröffnen können. Und es macht deutlich, wie auch aus vermeintlich kleinen Netzwerken durch Kooperation etwas richtig Großes werden kann. Etwas, auf das die ganze Welt blickt.

50 Jahre Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern

DIE LANDESSTELLE

Bayern hat eine der reichsten und vielfältigsten Museums­landschaften Europas. Vom Deutschen Museum in München bis zum Levi Strauss Museum in Buttenheim, vom Bauernmuseum Bamberger Land bis zum Maximilian­museum in Augsburg – über 1.350 Museen und Ausstellungshäuser, Schlösser und Burgen können im Freistaat besucht werden. Die allermeisten dieser Museen – rund 1.250 – sind nichtstaatlich, werden also von Kommunen, Landkreisen, Stif­tungen, Vereinen oder Religionsgemeinschaften betrieben. Diese Häuser berät und unterstützt seit 1976 die Landes­stelle für die nichtstaatlichen Museen als Serviceeinrichtung des Freistaats Bayern. „Wir professionalisieren, vernetzen und inspirieren“, erklärt Dr. Dirk Blübaum, der die Landesstelle seit 2020 leitet. „Und wir stehen für die Überzeugung, dass kultu­relles Erbe nicht im Stillstand, sondern im Austausch lebt.“

DER BLICK IN DIE ZUKUNFT

In fünf Jahrzehnten hat sich die vormals kleine Fach­stelle in einen echten Motor der musealen Standortentwicklung verwandelt. „Aber wir bleiben nicht stehen“, so Dr. Blübaum. „Wir nehmen auch aktuelle Herausforderungen wie den Klimawandel, die Sicherheit unserer Museen und Sammlungen sowie deren ressourcenschonende Erhaltung an und beziehen das in unsere Beratungen und Fördermaßnahmen ein. Im Jubiläumsjahr wollen wir Neues für unsere Museen bieten.“ So soll es Veröffentlichungen zu Inklusion und Provenienzforschung geben, aber auch Interessantes auf den Social-Media- Plattformen und im Fortbildungs- und Veranstaltungsprogramm.

Herzlichen Glückwunsch!
Auf weiterhin so gute Kooperation in der Zukunft

Sehen Sie auf Google Arts & Culture, wie „Crafted in Bavaria“ funktioniert.

© Peter von Felbert (3), Florian Trykowski, Angelika Jakob, Gert Krautbauer (2)