Kooperation? Aber natürlich!
© stock.adobe.comWie du mir, so ich dir
Heute kraul ich dir den Pelz, morgen du mir! So etwa könnte man mit reziprokem Altruismus übersetzen. Affen haben dieses System längst verstanden: Stundenlang lausen sie ihren Artgenossen das Fell. Ein Mix aus Spa-Besuch, Beziehungspflege – und Zukunftsinvestition. Denn der Gefallen soll durchaus später erwidert werden. So gesehen sind Affen die Urväter von Interessensgemeinschaften, Networking-Events, Berufsverbänden und kollegialem Verhalten ganz allgemein: Wer Kollegen und Kolleginnen in stressigen Situationen beisteht, darf im Fall der Fälle auch selbst auf Unterstützung hoffen.
Es lebe die WG!
Wie wäre es mit einem Untermieter? Die Seeanemone beweist: Das kann eine hervorragende Idee sein! Irgendwann im Laufe der Evolution ist der Clownfisch bei ihr eingezogen. Nicht, weil er unbedingt eine Behausung gebraucht hätte. Auch die Anemone kam gut allein zurecht. Doch die Wohngemeinschaft erwies sich für beide als höchst profitabel. Mit ihren giftigen Tentakeln schützt die Anemone den Fisch vor Feinden und ernährt ihn mit ihren Ausscheidungen, während der Fisch die Anemone von Parasiten reinigt und ihr Sauerstoff zufächelt. Ein Vorzeigebeispiel für eine Protokooperation, die lockerste Form der Symbiose: Ein Restaurant hängt Werke eines Künstlers auf – und profitiert von Interessenten, die zum Essen bleiben.
Gemeinsam gewinnen
Eine Symbiose ist eine Win-win-Situation: die enge Zusammenarbeit zweier Verbündeter, von der beide profitieren. Der Mykorrhiza-Pilz etwa lebt in enger Gemeinschaft mit Pflanzen, deren Wurzeln er besiedelt und mit Nährstoffen versorgt. Die Pflanzen bedanken sich beim Pilz mit Kohlenhydraten. Doch der geht noch weiter: Er verbessert die Bodenstruktur und bewahrt so die Lebensgrundlage aller Beteiligten. Ein geniales Role Model auch für die Kooperation in Entwicklungsteams: Ein hochkreativer Designer liefert Ideen, eine strukturiert denkende Programmiererin setzt sie um. Jeder für sich allein könnte nicht schaffen, was ihnen gemeinsam in Perfektion gelingt.
In der Gruppe weiß man mehr
Ameisenkolonien finden den kürzesten Weg zum Lieblingsfutter. Fischschwärme weichen in Sekundenschnelle Räubern aus und Vögel fliegen energiesparend in aerodynamischer Formation. Effizienter als jede gut organisierte Firma. Ihr Erfolgsgeheimnis? Schwarmintelligenz. Statt einem einzelnen Anführer zu folgen, bewegen sie sich nach dem Motto „Zusammen sind wir klüger!“ Alle Tiere eines Schwarms achten aufeinander, tauschen Erfahrungen aus, kombinieren ihr Wissen. Wie gut das auch bei Menschen klappt, sieht man auf Social Media und bei Crowdsourcing-Projekten wie Wikipedia, zu denen jeder beitragen und deren Wissen jeder abrufen kann. Auch manche Unternehmen bieten Austausch-Plattformen für Mitarbeitende an.
Einer für alle, alle für einen
Für ein Kilo Honig müssen Sammelbienen 80.000 mal ausfliegen. Ebenso unermüdlich kümmern sich die Brutpflegerinnen um das Heer der Larven, während die Königin 2.000 Eier pro Tag legt – und die Wächterinnen den Stock mit ihrem Leben verteidigen. Ein Bienenschwarm ist eine Hochleistungsmaschine, die so reibungslos funktioniert, als wäre sie ein einziger Organismus. Weil ihre Mitglieder in Eusozialität leben, einer extremen Form des Sozialverhaltens. Mit hochspezialisierter Arbeitsteilung, lückenloser Kommunikation und ausgeprägtem Altruismus. Sogar zum Sterben krabbeln die Tiere vor die Tür, um ihren Mitbienen nicht zur Last zu fallen. Klingt wenig verlockend? Verständlich. Aber wie wäre es mit „Eusozialisation light“? Gemeinschaftssinn, gut koordinierte Arbeitsbereiche und klare Kommunikation machen das Arbeitsleben erheblich angenehmer.
Einfach mal Gutes tun
Als Verfechter des Kommensalismus trägt der Specht selbstlos zu gutem sozialem Miteinander bei: Er geht Kooperationen ein, von denen er selbst nichts hat. Da er sich ohnehin jedes Jahr eine neue Höhle baut, gibt er sie nach Auszug seiner Jungen an Blaumeisen oder Siebenschläfer weiter. Schadet ihm nicht, hilft aber den anderen. Im gesellschaftlichen Alltag lässt sich das etwa beobachten, wenn Unternehmen leer stehende Immobilien für kulturelle, soziale oder wohltätige Zwecke zur Verfügung stellen. Sie haben zwar finanziell keinen Nutzen, genießen dafür aber ein höchst sympathisches Image.
Alles für die Kleinen
In der heißen Sonora-Wüste ist Schatten rar. Ein Problem für junge Saguaro-Kakteen, die austrocknen können. Zum Glück gibt es den Palo-Verde-Baum, der den jungen Kakteen Schatten spendet, bis sie groß sind. Danach beschattet der Kaktus den Baum. Facilitation heißt das Prinzip der Nachwuchsförderung, wenn eine Art die Umwelt so verändert, dass andere besser gedeihen können. Gibt es auch in der Wirtschaft, in Form von Mentoren und Mentorinnen, die weniger erfahrene Personen fördern.
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