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Expertengespräch

Wege durch den Wandel

Wie geht es weiter? Wie kann sich der Tourismus in Bayern an den Klima­wandel anpassen? An welchen Stellschrauben wird bereits gedreht? Wir haben Tourismus-Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen zur Lektüre der auf den vorhergehenden Seiten abgedruckten Bestandsaufnahme eingeladen. Und anschließend mit ihnen über Klimaanpassung in Bayern diskutiert. Beim Expertengespräch, dem neuen Format der BayTM. Moderiert von Barbara Radomski.

Prof. Dr. Alfred Bauer
Hermann Schmitt
Peter Berek
Norbert Haslach
Benedikt Brandmeier
Dr. Johann Niggl
Barbara Radomski
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Neue Saisonzeiten, neue Chancen

Dass durch den Klimawandel große Herausforderungen zu bewältigen sind, ist allen Teilnehmenden bewusst. Doch sie sehen in einigen unumkehrbaren Entwicklungen auch Chancen für den bayerischen Tourismus. Denn es sei möglich, dass der Klimawandel zu einer Verschiebung der Reiseströme führt. Erstens, weil sich klassische Saisonzeiten verlagerten oder verlängerten. Hermann Schmitt: „Die Kulturlandschaft Wein gewinnt durch den früheren Vegetationsbeginn gerade nach dem Winter neue Attraktivität.“ Schon mit der ersten Februarsonne lasse sich in südlich exponierten Weinlagen sehr schön wandern. Der Weinherbst beginne mit der früheren Weinlese im August, verlängere sich bis in den Oktober, und an die Federweißer-Saison schließe sich fast nahtlos der Advent an. „Bayern will ja ohnehin in Richtung Ganzjahrestourismus gehen; das wird durch den Klimawandel eher unterstützt“, ergänzt Dr. Johann Niggl vom Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft, Forsten und Tourismus.

Eine zweite Chance liegt darin, dass Bayern zu einer Alternative zu noch heißeren Regionen etwa in Südeuropa werden könnte. „Dieses Jahr haben viele Menschen aus den Golfstaaten ihren Urlaub in Südeuropa gecancelt, weil ihnen Rom oder Madrid einfach zu heiß waren. Und sind stattdessen zu uns nach München gekommen, weshalb für uns der arabische Markt im August der stärkste war“, berichtet Benedikt Brand­meier. München sei durch sein wetterunabhängiges, hervorragendes Kultur- und Gastroangebot sehr gut aufgestellt. Worin hingegen noch Potenzial bestehe, sei eine verstärkte Stadt-Umland-Verschränkung: „Wenn man Stadtgäste an heißen Tagen an die Seen schicken oder Gäste aus den ländlichen Regionen bei schlechtem Wetter in die Münchener Museen holen würde, dann würden alle profitieren“, sagt er. Was es noch brauche: Eine Studie, die den Einfluss des Klimas auf das Reiseverhalten nach Reisemärkten gestaffelt analysiert. Denn das sei die Basis für die Marketing­aktivitäten.

2

Wie wichtig ist Schnee für den Winterurlaub?

Schnee und Eis in den bayerischen Winterdestinationen – ein heißes Eisen. Auf allen Seiten wird der Wunsch nach einer ideologie- und emotionsfreieren Debatte in der Branche geäußert. Prof. Bauer kündigt als Beitrag dazu die Entwicklung von Zukunftsszenarien an. Zwei grundsätzliche Fragestellungen beherrschen die Diskussion in der Runde. Zum einen die Frage danach, was Wintertourist*innen wirklich suchen. Muss es Skisport, muss es eine perfekt verschneite Landschaft sein? „Der Skisport ist das Zugpferd des Wintertourismus“, glaubt Norbert Haslach vom Deutschen Skilehrerverband. Prof. Bauer ergänzt: „Wintertourismus ist deutlich breiter als Skisport. Wenn es mit dem Skifahren wegen Schneemangels nicht klappt, gehen viele Leute auch gern wandern.“ Doch auch Bauer glaubt, dass es auf der Nachfrageseite ohne eine wenigstens „leicht verzuckerte Wintermärchenlandschaft“ nicht gehen wird. Dr. Niggl gibt zu bedenken, dass Bayern nicht zum Transitland zu anderen Wintersportdestinationen werden dürfe, was außerdem schlecht für die CO2-Bilanz wäre. Er fordert eine Transformation in Richtung einer Verbreiterung des „Erlebnisraums Winter“.

Die zweite Frage betrifft die Akzeptanz „weißer Schneezungen auf braunen Bergen“, deren Bilder in den letzten Jahren durch die Presse gegangen waren. „Ist das dann immer noch ein Wintersport­erlebnis?“, fragt Bauer und glaubt: für manche Zielgruppen womöglich ja. „In Südtirol stören diese Streifen niemanden“, hat Haslach beobachtet und schlägt vor: Man müsse ja nicht alle Pisten beschneien, vielleicht reichten zwei oder drei im unteren Bereich. „Ganz viele Skigäste sind Fami­lien, und denen reicht es oft, wenn die Kinder fahren und sie zusehen können.“

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Ohne Wasser keinen Wein

Was macht der Klimawandel mit dem Weintourismus? Hermann Schmitt vom Fränkischen Weinbauverband sieht zunächst vor allem die positiven Seiten – wärmere Temperaturen ermöglichten das Draußensein. „In Franken hat sich der Weingenuss in den letzten Jahren aus dem Keller ins Freie verlegt. Man sitzt draußen, vor Vinotheken, trinkt auf Brücken.“ Das gefalle den Tourist*innen, weshalb Schmitt glaubt, dass Franken von der Erderwärmung durchweg profitieren könne. Außerdem machten ausgeprägte Schwankungen zwischen Tages- und Nachttemperaturen die Hitze immer noch relativ erträglich. Für ihn liegt das Problem zum einen in den Städten, wo für Beschattung und Kühlung gesorgt werden müsse. Und im Bereich Kulturlandschaft. Weinbau ist Landschaftspflege, und die durch den Weinbau geschaffene Kulturlandschaft ist ein touristisches Asset. „Wasserknappheit wird für alle ein Problem werden – für die Landwirtschaft, den Weinbau, die Städte. Wie kriegt ihr das in den Griff?“, will Prof. Bauer wissen. Schmitt setzt auf den Bau von Wasserspeichern, um den Ausgleich zwischen den sich verstärkenden Regen- und Trockenperioden zu schaffen.

Einen interessanten Aspekt bringt Dr. Niggl ins Spiel: Auch die bayerischen Staatsforsten befänden sich in einem Umbauprogramm zu einem Klimawald. „Den Naturwald, der da jetzt geschaffen wird, könnte man auch touristisch nutzen. Wir sollten bei Anpassungsmaßnahmen immer schauen, welche Möglichkeiten für den Tourismus darin stecken können.“

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Was den Einheimischen guttut, überzeugt auch die Gäste

In diesem Punkte stimmen alle Diskussionsteilnehmenden überein: Anpassung funktioniert am besten, wenn sich Wirtschaft, Ökologie und Tourismus miteinander verzahnen. Und da gibt es offenbar noch Handlungsbedarf. Prof. Bauer etwa berichtet von einem begeisternden Vortrag zum Thema Münchener Klimaanpassung im Jahr 2022: „Großartige Projekte wurden da vorgestellt, die man unserer Meinung nach auch hervorragend touristisch nutzen kann. Doch es stellte sich heraus, dass bei diesen Projekten niemand vom Tourismus eingebunden gewesen war! Wir Touristiker müssen uns da viel stärker einbringen, auch im Hinblick auf die Wertschöpfung.“ Bei Benedikt Brandmeier rennt Bauer mit dieser Forderung offene Türen ein: „Wir fordern uns bereits viel stärker ein“, berichtet dieser. Und verweist auf die Zusammenhänge: Touristische Anpassungsstrategien könnten nur funktionieren, wenn man auch die Einheimischen einbeziehe. Umgekehrt sei der Tourismus oft ein viel schnellerer Indikator für Veränderungen, die dann auch die Einheimischen beträfen.

„Es geht um Lebensraumgestaltung“, fasst Peter Berek zusammen. In seiner Heimat Wunsiedel setzt man schon lange auf regenerative Ideen. Entsprechend viele Wind­räder stehen dort. „Wenn ein Windrad gebaut wird, muss es einen Benefit geben für den, der dort lebt. Dieses Thema muss in das touristische Produkt eingeflochten und entsprechend kommuniziert werden. Das wird dann vom Touristen auch verstanden und akzeptiert.“ Darauf hofft auch Hermann Schmitt, der sich auch sonst aktiv mit Klimaanpassung beschäftigt: Weil Franken mit südfranzösischen Klimaverhältnissen rechnen müsse, will er probehalber schon mal in Südfrankreich Silvaner anbauen.

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Kur- und Heil­bäder: Gesundheit im Zentrum

Je mehr die Hitze zunimmt, desto wichtiger wird das Thema Gesundheit und damit das Kur- und Heilbäderwesen. „Nicht nur das Land hat gekocht in den letzten Sommern, auch den Menschen war viel zu heiß“, bemerkt Prof. Bauer. Hotels und Kliniken seien womöglich zu klimatisieren. „Wir müssen uns unbedingt um das Thema Energie kümmern, das ist zentral“, unterstreicht Bauer. Peter Berek vom Bayerischen Heilbäder-Verband hält die Energiefrage für ähnlich wichtig. „Wir stellen uns hier neu auf und schaffen neue Netzwerke. Wir sind bei diesem Thema seit Längerem in engem Austausch mit dem zuständigen Ministerium.“ Die Kur- und Heilbäder müssten sich außerdem auf ein Gästeverhalten einstellen, das sich durch die Hitze stark verändern werde, und müssten zudem ihre Gesundheitsangebote auf den Klimawandel ausrichten. „Wir haben vor Kurzem das Prädikat ‚Waldgesundheit‘ eingeführt. Aber unser Wald erlebt gerade einen elementaren Umbau. Da können wir nicht einfach warten, was passiert, sondern müssen und werden aktiv darauf reagieren.“ Berek ist aber auch optimistisch: „Unsere Kur- und Heilbäder decken ganz Bayern und vor allem den ländlichen Raum ab, deshalb haben wir die Chance, an jedem Ort im Detail ranzugehen. Im Fichtelgebirge sind die Verhältnisse ja ganz anders als im Allgäu. Wir brauchen deshalb subsidiäres Denken.“

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Und jetzt? Einfach mal anfangen

Welche touristischen Angebote entstehen bereits aus der Klimaanpassung heraus? In München mit seinen verschiedenen Mikroklimas würden jetzt etwa Stadtviertel-Spaziergänge veranstaltet, erzählt Benedikt Brandmeier. „Die hatten wir wegen Corona entwickelt, aufgrund ihres Erfolgs aber gleich im Programm behalten. Und die führen die Menschen in Stadtviertel beim Englischen Garten oder an der Isar, in denen es nicht so heiß wird.“ Ansonsten werde die Münchener Anpassungsstrategie vor allem darin liegen, Events und Saisonzeiten so zu planen, dass sie möglichst gut zum Klima und zu den zu erwartenden Gästeströmen passten. Hermann Schmitt wiederum setzt auf die bewusste Auseinandersetzung mit Zukunftsszenarien, „denn da finden wir Lösungen. Wir müssen nur schneller werden.“ Peter Berek: „Einfach mal Dinge umsetzen. Beschatten und entsiegeln zum Beispiel. Dazu brauchen wir keine zusätzlichen Studien!“ Brandmeier würde sich noch etwas wünschen: eine etwas weniger schwarzseherische Außendarstellung, etwas weniger „german Angst“ in der Kommunikation. „Bei einer Roadshow in den USA zum Thema Wintertourismus 2022 wurde ich gefragt, ob es stimmt, dass es in Deutschland in Hotels kein warmes Wasser mehr gibt und um zehn Uhr abends der Strom ausgestellt wird.“ Solche Gerüchte beeinträchtigten die Buchungszahlen im Zweifelsfall noch stärker als der Klimawandel.

Schauen Sie sich die Diskussion hier als Video an:

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