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{{postCount}} Auf die sanfte Tour

Auf die sanfte Tour

Kühe weiden auf sattgrünen Almwiesen, Glocken läuten. Am Kirchlein St. Sebastian rauscht ein Gebirgsbach vorbei. Ramsau ist ein kleines Dorf am Fuße des Watzmann, dessen Gipfel auch im Sommer schneebedeckt ist. Der heilklimatische Kurort liegt im Herzen des Berchtesgadener Landes. Zu ihren Bergen und zum Alpinismus haben die Ramsauer*innen seit jeher eine tiefe Beziehung. Vor dem Rathaus erinnert ein Gedenkstein an den Holzknecht und Bergführer Johann Grill, der 1881 erstmals die Ostwand des Watzmanns durchstieg. Heute gibt es in dem Dorf am Rande des Nationalparks Berchtesgaden mehr Bergwanderführer*innen als in jedem anderen Ort in Deutschland. 2015 hat der Deutsche Alpenverein Ramsau als erstes deutsches Bergsteigerdorf ausgezeichnet. Die Auswahlkriterien für Bergsteigerdörfer sind streng: Ausgezeichnet werden Bergdörfer, die fernab des Massentourismus eine Vorreiterrolle im umweltschonenden Bergsport­urlaub einnehmen; mindestens ein Fünftel der Gemeindefläche muss als Schutzgebiet ausgewiesen sein. Auch Brauchtum, Traditionen und ein ortstypisches Erscheinungsbild des Dorfes müssen gewahrt sein. Verbiegen musste sich Ramsau für das von der Alpenkonvention kontrollierte Prädikat nicht. „Ein naturverbundener, ressourcenschonender Tourismus wurde hier schon immer gelebt“, erklärt Martha Graßl, Leiterin der Touristinfo in Ramsau. Dabei hätte alles ganz anders kommen können: Bis in die 1970er-Jahre hinein gab es Pläne für eine Bergbahn auf den Watzmann.

Schneekanonen? Fehlanzeige

Doch dann entschloss sich Ramsau gegen die weitere Erschließung der Bergregion. Stattdessen wurde 1978 der Nationalpark Berchtesgaden gegründet, der weite Teile der Gemeindefläche von Ramsau umschließt. Der Grundstein für einen sanften Tourismus war damit gelegt. Auf rund 300.000 Übernachtungen pro Jahr kommt Ramsau mit seinen gerade mal 1.800 Einwohner*innen. Im Sommer und am Wochenende kann das schon mal zu Verkehrsproblemen führen; ein nachhaltiges Mobilitätskonzept soll bald für Entlastung sorgen. Und trotzdem: keine Spur von Massentourismus in Ramsau. Seine Gäste beherbergt das Dorf in kleinen, meist familiengeführten Pensionen und Hotels. Selbst das Viersternehaus Rehlegg, das größte Hotel der Gemeinde, schmiegt sich idyllisch in die Berglandschaft. Mainstream-Angebote, die den Massentourismus befeuern? Fehlanzeige. Graßl: „Bei uns gibt es keine Hotspots, keinen großen Après-Ski oder andere Massenveranstaltungen.“ Stattdessen lockt Ramsau mit Bergsportangeboten in intakter Natur. Rund um die Gebirgsseen und durch den sogenannten Zauberwald spannt sich ein großzügiges Wanderwegenetz; bei geführ­ten Klettersteig- und Bergtouren kommen die Gäste ins Lattengebirge, auf die Reiter­alm und auf den Hochkalter. Das Mini-Skigebiet besteht aus einem Sessellift und zwei Schleppern. Skifahren geht ohnehin nur, wenn es genug geschneit hat; Schneekanonen sind im Tourismuskonzept nicht vorgesehen.

„In Ramsau dürfen Mensch und Natur noch in Einklang sein“, meint Bergführer Hubert Nagl, der die Alpenüberquerung „Vom Watzmann bis zu den drei Zinnen“ ins Leben gerufen hat. „Genau das suchen unsere Gäste.“ Nagl, ein drahtiger Mann mit sonnengebräuntem Gesicht, ist seit über 35 Jahren mit Leib und Seele als staatlich geprüfter Bergführer tätig. Als Kletter- und Expeditionsführer hat es den gebürtigen Bayer in alle großen Bergareale dieser Welt verschlagen. Doch kein Gebiet kennt er so gut wie die Berchtesgadener Alpen, wo er in Ramsau seine eigene Bergschule eröffnet hat. Das schroffe Gestein, die gewaltigen Formen, die seltenen Pflanzen – es ist die wilde Alpenwelt, für die der 66-Jährige seine Gäste begeistern möchte. Im Winter führt er sie auf Schneeschuhen durch verschneite, unberührte Bergwälder. Wenn im Sommer die Wiesen hochstehen, macht er auf Alpenrosen, Edelweiß und andere seltene Pflanzen am Wegesrand aufmerksam. Und erzählt von allerlei spannenden Ereignissen, die sich hier abgespielt haben. Andere Gastgeber*innen beteiligen sich ebenfalls an dem alternativen Tourismuskonzept, das Ramsaus Ursprünglichkeit bewahren und erlebbar machen möchte.

© Andreas Weise
© Andreas Weise
© Andreas Weise

Was wie Verzicht klingt, ist vielmehr ein Zugewinn

Im Bio-Hotel Feistererhof lernen Gäste den richtigen Umgang mit Land und Tieren. Viele Hotels, Pensionen und Gaststätten verarbeiten lokale Produkte, umsorgen ihre Gäste warm und herzlich. Auf den Almhütten werden Käse- und Speckbrotzeiten aus eigener Produktion serviert. „Wir bieten unseren Gästen an, was wir haben. Nicht mehr und nicht weniger“, sagt Graßl. Was sich wie Verzicht anhören mag, ist in Wahrheit ein Zugewinn. Und ein Versprechen für die Zukunft. Denn mit ramponierter Natur gäbe es kein Zurück für Ramsau, einen Ort, für den Tourismus eine Haupteinnahmequelle ist. Das Bergsteigen in unberührter Natur, es soll den Alpenort gerade in Zeiten des Klimawandels für die Zukunft rüsten. Graßl: „Nur wenn wir ihre Grenzen respektieren, kann unsere Natur auch in Zukunft ein echter Erholungsort für Einheimische und Touristen sein.“


Das sind Bergsteigerdörfer

Die Idee

Die Initiative Bergsteigerdörfer unterstützt Gemeinden bei der nachhaltigen Entwicklung von alpinem Tourismus. Ins Leben gerufen wurde sie 2008 vom Österreichischen Alpenverein (OEAV). Mittlerweile dürfen 35 ursprüngliche, naturbelassene Dörfer in fünf Ländern das Siegel tragen.

Das Ergebnis

Die Internationalisierung der Bergsteigerdörfer in fünf Alpen­ländern zeigt, dass „sanfter Tourismus tatsächlich erfolgreich ist“, so Nicole Slupetzky, Vizepräsidentin des OEAV, bei der letzten Bergsteigerdörfer-Tagung im Oktober 2021.

bergsteigerdoerfer.org