Arbeiten, wo andere ihren Urlaub verbringen? Die Digitalisierung macht’s möglich. Coworking, Workation und Coworkation heißen die Trends, die dem Tourismus im ländlichen Raum gerade ganz neue Perspektiven eröffnen
Der gebürtige Fürther ist einer der Pioniere des New-Work-Konzepts in Deutschland. Schon früh hat er sich mit dem neuen Verständnis von Arbeit in einer von Digitalisierung geprägten Welt auseinandergesetzt. Die von ihm 2008 gegründeten „Design Offices“ machte er zum Marktführer im Bereich Corporate Coworking. Doch der Trubel in den Metropolen interessiert Schmutzer in letzter Zeit immer weniger. Spannend findet er jetzt den ländlichen Raum.
Unglaublich, welches Potential das Land für New Work hat
„Unglaublich, welches Potential das Land für New Work hat“, schwärmt der Franke und führt durch den Bauernhof, den er in etwas umgewandelt hat, das in dieser Form wirklich neu ist.
Über knarzende Treppen erreicht man dort jetzt monatlich mietbare Coworking-Studios, eingerichtet mit charmanten Kachelöfen und Sofas, aber auch mit flexiblen Moderationsboards und 55-Zoll-Flatscreens – und Schlafmöglichkeit. Es gibt die große „Macherscheune“ für Workshops und Präsentationen zwischen sandgestrahltem Fachwerk, Zementboden und mintgrünen Designsesseln. Zwei Garagen sind aktuell vermietet, an eine IT-Firma und an eine Organisationsberatung, „die ihren Mitarbeitern mit dem Landbüro mal einen Perspektivwechsel bieten wollte“, wie Schmutzer erzählt. Ach ja: Werden bei Events mal mehr Übernachtungsmöglichkeiten benötigt, gibt es das „Hotel Riesengebirge“ gleich gegenüber. „Man sollte nicht alles selbst machen wollen, sondern sich lieber gute Partner holen“, findet Schmutzer.
Neue Perspektiven für den ländlichen Raum und zusätzliche Arbeitsfelder für touristische Akteure – auch das bringt die Digitalisierung mit sich. Dass der digitale Wandel dem Land große Chancen bietet, gilt als erwiesen. Die Pandemie hat der Flexibilisierung der Arbeitswelt nun einen zusätzlichen Schub versetzt. Digitale Kommunikation wurde von der Ausnahme zur Regel; der physischen Präsenz der Mitarbeitenden am Unternehmensort erging es umgekehrt. Immer mehr Menschen fahren nicht mehr täglich „ins Büro“, sondern üben Remote Work aus, tun damit auch etwas für Fahrtkosten, Energiebilanz und Work-Life-Balance und für ein nachhaltigeres Leben. Attraktiv ist diese neue Arbeitswelt vor allem für Arbeitende, die bisher täglich in die Stadt pendeln mussten. Oder für Menschen, die aus der Stadt aufs Land ziehen wollen. Auch deshalb schießen Coworking-Spaces im ländlichen Raum gerade wie Schwammerl aus dem Boden. Und werden immer häufiger auch direkt von Unternehmen genutzt. Im „Gutshof 9“ etwa hat ein Nürnberger Softwareunternehmen ein Büro mit vier Arbeitsplätzen für Mitarbeitende angemietet. Die müssen jetzt nicht mehr täglich pendeln, arbeiten aber in inspirierender Gemeinschaft – und „gehen mit den anderen Coworkern mittags zum Dorfmetzger“, wie Schmutzer weiß.
„Diese neue Form einer flexiblen und mobilen Berufsausübung in gemeinschaftlich genutzten Räumen besitzt viel Potenzial für die nachhaltige Belebung strukturschwacher Regionen“, so auch die Bertelsmann Stiftung in einer Studie zum Thema Coworking im ländlichen Raum. Da passt es gut, dass es seit Corona auch das Stadtvolk verstärkt aufs Land zieht.
Die neue Lust auf Natur, frische Luft und Stille einerseits sowie Vernetzung, Inspiration und Austausch andererseits, dazu die sich auflösenden Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit und Urlaub führen zu ganz neuen Möglichkeiten für die Tourismusbranche. „Coworkation“ heißt das neue Buzzword, das für die unterschiedlichsten Kombinationen aus Coworking, Freizeit und Ferien steht, oder anders gesagt: für mobiles Arbeiten an einem Urlaubsort. In Oberbayern macht Peter Kirchberger vor, wie das aussehen kann. Der Marketingprofi betreibt zwischen Bayrischzell und Schliersee zwei rustikale Almhütten mit Badebereich, das „Almbad Sillberghaus“ und das „Almbad Huberspitz“. Locations, die Kirchberger meistens exklusiv vermietet. Für Hochzeiten, aber immer öfter auch an Firmen für Coworking-Wochenenden, Offsite-Meetings oder Tagungen, bei denen sich die Gäste in rund 1.100 Metern Höhe auf Beamer, Leinwand, Flipcharts, schnelles Internet und regionale Bio-Küche verlassen können. Die Kundschaft am Berg? Unter anderem große deutsche Automobil- und Telekommunikationskonzerne. Bei der Wiederbuchungsquote würde „das Adlon vor Neid erblassen“, lässt Kirchberger durchblicken.
Das Erfolgsrezept der beiden Almbad-Locations ist für ihn: „Die Nähe zur Natur. Dass du dich mit deinen Leuten einfach an den Waldrand setzen oder zum Wandern gehen kannst. Oder draußen in den Hot Tub setzen. Das schafft ganz andere Bindungen im Team.“ Die meisten Gruppen kommen erlebnis-orientiert zu Fuß nach oben gewandert, statt den angebotenen Shuttle-Service zu nutzen. Selbst die spartanischen Unterkünfte im „Almbad Huberspitz“, wo sich die Gäste Etagenduschen teilen, seien so gut wie nie ein Problem. Stimmt ja: Welches Tagungshotel in Flughafennähe kann schon solche Erfahrungen bieten?
Nachfrage und Angebote im Coworking-Bereich wachsen ständig. 20 Locations aus Oberbayern, Tirol, Salzburger Land, Südtirol und Piemont haben sich bereits zum Verein Coworking Alps zusammengetan. Dass der Trend Potenzial hat, zeigt auch die Studie, die der Verein zusammen mit der Agentur für Tourismusmarketing St. Elmos in Auftrag gegeben hat, um die Bereitschaft zu Coworkation zu untersuchen: Zwei Drittel der befragten Unternehmen können sich das vorstellen; ebenso 60 Prozent der Berufstätigen. „Die Ergebnisse liefern Touristikern in der Region eine gute Entscheidungsgrundlage für die Gestaltung touristischer Angebote, zum Beispiel die Leerstands-Thematik in den Gemeinden zu lösen“, sagt Veronika Engel von der SMG Miesbach und Vorstandsvorsitzende von Coworkation Alps.
Apropos Leerstand: In der Nähe der piemontesischen Großstadt Turin haben die beiden jungen Münchner Johannes und Leo Hoyos gleich ein ganzes Burgdorf in ein „Workation Village“ umgewandelt. Kreativkurse waren in dem charmant restaurierten „Castello di San Sebastiano“ vom piemontesischen Schlossherren schon vorher angeboten worden. Doch seit 2021 ist das Schloss mit seinen 30 Gästezimmern und der eigenen „Dorf-Trattoria“ jetzt „smart working village“. Innovative Teams aus ganz Europa, die sonst völlig „remote“ arbeiten, reisen oft gleich zu zweiwöchigen Arbeitstreffen an. In den Barockgärten wird Yoga gemacht und Volleyball gespielt, in freskierten Gewölbegängen und Prunksälen gemeetet, recherchiert und konzeptioniert. Wer den Blick vom Laptop hebt, blickt in eine stille Welt von berührender bellezza. Ruhe, Schönheit und Natur – es dürften nicht die letzten Gründe für die neue Landlust bei der Arbeit sein.
© Daniel Zenker; Denise Stock; The Workation Village